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  • Anna

Traumreise?

Tief einatmen. Lächeln. Sie müssen dich reinlassen. Wem mach ich was vor?  Sie müssen überhaupt nichts.

Meine Hand zittert, als ich mit dem Zeigefinger dreimal in kurzem Abstand gegen den Spiegel tippe. Ich kann meinem Abbild nicht in die Augen schauen und betrachte stattdessen die Turnschuhe an meinen Füßen. Die Oberfläche wird von einem silbernen Glanz überzogen und ich lasse meine Hand vorsichtig dagegen drücken. 

Das Kribbeln kommt jedes Mal aufs Neue überraschend. Wärme breitet sich in meinem Körper aus, von den Fingerspitzen über die Handgelenke durch die Arme, sie strahlt aus in meinen Oberkörper, meinen Rücken, und endet in meinen Fußsohlen. Ich schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, stehe ich nicht mehr in meinem Zimmer. Unter meinen Schuhe befindet sich kein Teppich mehr, sondern ein heller Parkettboden. Um mich herum erkenne ich den großen Raum, der mich an den Eingangsbereich eines Hotels erinnert, mit dem Tresen und den Treppen und den Aufzügen. Aber es gibt keine Besucher. Ich habe nie welche gesehen.

Ich gehe auf die einzige andere Person zu und lächle weiter freundlich, während ich die Hand zum Gruß erhebe. Graue Augen betrachten mich scharfsinnig und ich sehe die hochgezoge Augenbraue, bevor das schwer zu interpretierende 'Hmm' meine Ohren erreicht. Meine Mundwinkel verkrampfen leicht, ich spüre es deutlich, doch ich versuche weiter zu lächeln.

"Du bist zum dritten Mal in acht Tagen hier." Sie werden es mir nicht erlauben. Mein Herz schlägt schneller und ich versuche Argumente zu finden, meine Gedanken wirbeln durch den Kopf und keiner scheint vollständig. "Diese Sphäre tut dir nicht gut."

Mein Mund öffnet sich, ich will so gern protestieren. "Ein letztes Mal?" Meine Stimme ist zu leise. Ich kann den Blickkontakt nicht halten und betrachte die schwarze Haarsträhne, die meinem Gegenüber für einen Moment ins Gesicht fällt, bevor sie wieder hinter das Ohr gestrichen wird. Ein Seufzen. "Nur noch heute. Beim nächsten Mal..." Ich warte mitzusammengebissenen Zähnen und halte mich gerade. "... wirst du unsere Einladung abwarten."

Erleichtert atme ich aus und verbeuge mich, wobei meine Stirn nur knapp an der Holzkante vorbei saust. Die grauen Augen blitzen auf und die Mundwinkel zucken leicht, als ich wieder aufblicke. Ich soll mich nicht verbeugen, doch wie könnte ich?  Mein Herz schlägt schnell und ich spüre, wie meine Hände vor Aufregung zittern. "Zur Wiese?" Ich nicke, kann meiner Stimme nicht trauen.

Der große Raum wird von Licht geflutet und ich sehe schemenhaft die silbernen Flügel, die hinter meinem Gegenüber erscheinen. Allein dieser Anblick ist die Erschöpfung wert, die mich nach jedem Ausflug überwältigt. Doch die Wiese, zu der ich geleitet werde...

Nur dort kann ich mich wirklich frei fühlen. Hoffentlich muss ich auf die nächste Einladung nicht zu lang warten.

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© 2018 by Yvonne Zitzmann