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  • Anne

Limonadenbaum

Der Baum ist alt geworden, seine Rinde knorrig, neue Zweige recken sich in die Luft, als wollen sie die Sonne umarmen wie du damals. Damals. Das klingt so eigenartig, wenn man hier steht. Als hätte die Zeit vergessen, dass sie eigentlich vor zwanzig Jahren stehen geblieben sein müsste. Als hätten wir vergessen, dass wir eigentlich immer noch neun sind.


Ich warte in sicherer Entfernung wie früher immer, weil es irgendwie dein Baum ist, auch wenn das hier damals unser Garten war. Gleich bist du da. Gleich lässt du dich aus den Ästen fallen und erschreckst mich, du bist nie gealtert, die letzten Monate sind nie passiert. Ich warte. Ein kleiner Vogel landet auf einem der oberen Äste. Du kommst nicht.


Die Zeit hat mich vergessen lassen, wie ruhig es hier ist. Als würde ohne dich alles in Schlaf verfallen. Ich schließe die Augen und kurz höre ich wieder das Zirpen der Grillen und das Knacken der Plastikflaschen an warmen Sommertagen, die Etiketten ausgeblichen von der Sonne. Du hast sie aufgehängt. Ich traue mich nicht, nachzusehen, ob sie noch da sind. Wenn ich sie sehe, kommen die Erinnerungen zurück. Wie wir im Urwald fangen spielten, wie wir auf Wildpferden durch die Prärie geritten sind und auf Piratenschiffen die sieben Weltmeere durchkämmten, vor so langer Zeit. Wie konnten wir diesen Ort verlassen?


Ich gehe näher ran, vorsichtig, damit der Boden Zeit hat, mich wiederzuerkennen. Die Flaschen hängen nicht mehr zwischen den Ästen. Es sollte mich nicht überraschen, aber irgendwie tut es das doch. Als du die dutzenden Flaschen an diesem roten Bindfaden aus dem Nähkästchen meiner Oma festgeknotet hast, war ich so sicher, sie würden ewig bleiben. Du konntest so etwas, Dingen ihren Platz geben. Vielleicht kannst du es immer noch. Ich blinzele angestrengt. Es riecht so sehr nach Vergangenheit hier.


Von Nahem wirken die Blätter klein und seltsam verblasst, erschöpft vom heißen Sonnenlicht, das auf meinem Scheitel brennt. Kurz frage ich mich, ob die Äste mich wohl noch tragen würden. Ohne dich will ich es nicht versuchen. Du konntest selbst die dünnsten Zweige dazu bringen, dein Gewicht zu halten.

Das hohe Gras piekt und kitzelt an meinen Waden, in den Blättern flüstert der Wind. Es ist zu lange her, seit ich das letzte Mal hier war, zuerst finde ich unsere Initialen nicht. Wir waren damals so viel kleiner als heute.


Die Rinde fühlt sich rau an, als ich die Buchstaben berühre. Mein T ist verrutscht, es könnte ebenso gut ein J sein, aber dein M ist genauso klar wie damals. Natürlich. Du bist zu sehr mit diesem Ort verbunden, als dass er dich vergessen könnte.

Ich setze mich ins trockene Gras und warte. Wie damals.


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© 2018 by Yvonne Zitzmann