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  • Yvonne

Eine Katze aus Groß Lindow

Aktualisiert: Juni 20


Es gibt Orte, an denen man sich sofort zu Hause fühlt. Das hat was mit der Kindheit zu tun, würden Psychologen sagen. Das liegt am Einklang zwischen Mensch und Natur, an wohltuender Stille und der Seele schmeichelnden Farben und Formen, spekulierten Ästhetiker. Ich sage: Es ist halt so.

Groß Lindow ist solch ein Ort. Unweit von Eisenhüttenstadt in der nördlichen Niederlausitz gelegen, fließt mitten durch Groß Lindow der Friedrich-Wilhelm-Kanal. Die knapp 1.700 Einwohner leben gemütlich unter hohen Lindenbäumen und umgeben von sattgrünen Wiesen. Am Kanal wartet die Fähre.

Manchmal gibt es auf dem Weg dorthin kein Funknetz. Und der Wildwechsel auf dem Kaisermühler Weg ist in den Abendstunden beachtlich. Doch das ist mir egal. Erst neulich war ich wieder zu einer Geburtstagsfeier in Groß Lindow.


Hier wohnt nicht nur mein alter Deutschlehrer, der mich durchs Abitur begleitet und über meine 20-seitigen Klausuren stets nur mit den Augen gerollt hat. Hier wohnt auch meine längste und beste Freundin Katja. Zwischen uns ist es besser als in jeder Ehe. Wir verstehen uns blind. Seit 29 Jahren nun schon. An Scheidung habe ich noch nie gedacht.


Katja wohnt auf einem Hof mit vielen Tieren. Katzen, Hühner, ein aggressiver Hahn, zwei Schafe, vier Alpakas, fünf Bienenvölker und der zärtlichste mir bekannte Hund namens Heidi. Eine Katze ist von Katjas Hof in meinen Garten gewechselt. Es war eine spontane Entscheidung, meine Kinder konnten es anfangs gar nicht glauben: Aber Mama, du hast doch eine schlimme Tierhaarallergie?! Habe ich auch. Aber bei unserer Katze aus Groß Lindow war nach genau einer Woche alles gut mit meinen Augen und der Lunge. Ich bin mir sicher, das liegt an den Groß Lindower Genen, die müssen was Besonderes an sich haben. Darüber kann Katja nur lächeln. Sie hält nichts von Spekulationen oder Zauberei. Sie sagt: Es ist halt so.



Ein paar Kilometer von Groß Lindow entfernt liegt die Gemeinde Siehdichum. Einmal war ich dort gewesen und habe mich umgesehen, natürlich. Hinter mir waren die alte Dorfkirche mit ihrem weißen Fachwerk, am Anger zwei Fischreiher und ein alter, struppiger Hund. Der konnte ordentlich bellen und seine Zähne fletschen. Da bin ich wieder ins Auto gerannt und losgefahren, zurück ins sichere Groß Lindow. Umgedreht habe ich mich nicht mehr.


Ohne Zweifel: Meine Katja hat den richtigen Ort für sich und ihre Familie gewählt. Ganz in der Nähe gibt es einen kristallklaren See, ein ehemaliger Tagebau. Wunderschön gelegen hinter einem Kiefernwäldchen und mit Zufluss zum großen Helenesee, in dem ich als Kind immer gebadet und mir vorzustellen versucht hatte, wie tief 80 Meter seien. Wir waren dort schon schwimmen, Katja und ich. Sein Name lautet, wie könnte es anders sein, Katjasee.



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© 2018 by Yvonne Zitzmann