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  • Anne

Egoisten-Blues

Seit Februar zuhause. Seit Februar frei. Und eigentlich stehen mir alle Türen offen. Die ganzen Blogger machen es doch gerade vor, wie man sein Leben umkrempelt und jetzt endlich mal ein Instrument zu spielen lernt, endlich mal ein Buch schreibt, endlich mal den Wandschrank entrümpelt. Leider habe ich mit dem Gitarrespielen schon letztes Jahr angefangen, ein Buch geschrieben schon lange, und das mit dem Wandschrank, das hat mich nicht mal einen Nachmittag gekostet. So viel dazu.


So geht das allen. Ich weiß. Das bekommt man jedes Mal zu hören, sobald man mal die Augen verdreht. Danke. Das einzige, was man mit diesem Hinweis anfangen kann, ist, sich zu schämen dafür, dass man mal wieder nur an sich selbst denkt. Aber wenn ich selbst schon keinen Freilauf bekomme, dann soll wenigstens der gute alte Egozentrismus ihn kriegen.


Was wirklich stört, ist auch nicht die Langeweile. Ich bin ein aktiver Mensch. Ich beschäftige mich schon, da braucht sich niemand Sorgen zu machen. An sich wäre ich vielleicht glücklich über die Zeit, die ansonsten nie so wirklich gereicht hat. Wenn da dieses Fernweh nicht wäre, für das ein Land einfach zu klein ist. Wenn da nicht die Heimatlosigkeit wäre, die sich in mein Herz gefressen hat. Hat man ein Mal woanders gelebt, bleibt ein Teil der Seele immer dort, und plötzlich ist man mit einem Teil in der einen Welt zuhause und mit dem anderen in einer zweiten, und welche jetzt die richtige ist, das kann mir auch keiner sagen. Vielleicht braucht es eine dritte Welt, zum Ausgleich. Vielleicht macht es das aber auch nur noch schlimmer, und dann bin ich dreigeteilt und bald kann ich mit mir selbst einen eigenen Staat gründen, weil es so viele Versionen von mir gibt. Keine Ahnung.


Eigentlich weiß ja keiner so wirklich wohin mit sich, jetzt, wo man das bekommen hat, wonach man doch angeblich all die Zeit verlangt hat. Nur, dass das hier keine Freiheit ist. Man sitzt fest, und wenn man festsitzt, dann kommen die Gedanken. Selbst wenn ich zu tun habe, bleibt irgendwo immer ein Fitzelchen Gedankenkapazität, um die berühmte „Was-wäre-wenn“-Frage zu stellen, die fleißig an mir nagt.


Was wäre, wenn dieser Sommer wie letztes Jahr sein könnte. Was wäre, wenn ich wieder auf den Stufen einer Kirche in Verona in der Sonne sitzen und dem lateinischen Singsang hinter den alten Holztoren lauschen könnte. Was wäre, wenn ich wieder auf der Suche nach der perfekten Zimtschnecke dreißigtausend Schritte durch Stockholm laufen und abends ins Dramaten gehen könnte, um noch ein Mal Per Gynt zu sehen und es dieses Mal vielleicht sogar zu verstehen. Was wäre, wenn ich im Park Musik machen könnte, ohne auf Sicherheitsabstände zu achten, und danach ganz normal mit Freunden ein Bier trinken gehen dürfte, ohne eine Maske zu tragen und mir strafende Blicke einzufangen, weil ich so unbedacht und unvorsichtig bin und einfach meinen Spaß haben will.


Diese Fragen sind nicht gesund. Das weiß ich. Es gäbe keinen Grund, sich zu beschweren, wenn ich nicht wüsste, was in jedem anderen Jahr normal gewesen wäre. Aber das stoppt die Sehnsucht nach der Freiheit auch nicht, die uns einfach so entschlüpft ist.

Seit Februar zuhause. Seit Februar frei. Das sollte der beste Sommer meines Lebens werden.

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© 2018 by Yvonne Zitzmann